Die Würde des Menschen ist (un)Antastbar: Was Racial Profiling mit mir macht

Ich bin das Mädchen im Sturm. In einer Welt, die von kalten Worten und Gefühlen verfolgt wird, welche sich langsam in uns einnisten und uns zur Gleichgültigkeit erziehen, gehöre ich zu all jenen Menschen, die direkt von dieser Gleichgültigkeit betroffen sind.

Heute möchte ich über etwas schreiben, über das ich schon einmal irgendwo geschrieben habe aber einfach nicht loslässt.  Ich möchte über „Racial Profiling“ schreiben.

„jetzt“, hat einen sehr guten Online Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, der mich nicht wirklich erschüttert hat, sondern traurig. Traurig, weil ich in derselben Situation bin und weiß wie sie sich anfühlt. Ich werde daher auch aus der Sicht einer betroffenen Person schreiben, nicht aus einer weitgehend „neutralen“ Sicht.

Wikipedia beschreibt Racial Profile wie folgt:

Als Racial Profiling (auch „ethnisches Profiling“ genannt) bezeichnet man ein häufig auf Stereotypen und äußerlichen Merkmalen basierendes Agieren von Polizei-, Sicherheits-, Einwanderungs- und Zollbeamten, nach dem eine Person anhand von Kriterien wie „Rasse“, ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder nationaler Herkunft als verdächtig eingeschätzt wird und nicht anhand von konkreten Verdachtsmomenten gegen die Person. Der Ausdruck entstammt der US-amerikanischen Kriminalistik.

Racial Profiling wird als diskriminierend und ineffektiv kritisiert und ist beispielsweise in Großbritannien und den USA verboten. In Deutschland gibt es keine explizite juristische Regelung. Racial Profiling wird von Kritikern dem institutionellen Rassismus zugeordnet. (https://de.wikipedia.org/wiki/Racial_Profiling, 21.04.2017)

Im „jetzt“ Artikel geht es um Mano, der aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe nicht nur ständig, sondern doppelt kontrolliert wird und dem von der Polizei geraten wurde, dies mit Humor zu nehmen.

Aber ich kann Racial Profiling nicht mit Humor nehmen.

Jedes Mal wenn ich im Zug bin und die Polizei sehe, dann bekomme ich die Krise, weil es sein kann, dass ich nur aufgrund meines Aussehens, vor alle Leute herausgepickt werde um meine Existenzberechtigung zu beweisen. Man muss sich das in etwa so vorstellen: mindestens zwei, zwei Meter Klotze, die breit wie der Türrahmen sind stehen bewaffnet, vor einer 1,50 Meter kleinen Frau, die sogar so modisch und leicht wie möglich angezogen ist, um nicht „auffällig“ zu wirken und wollen ein Stück Papier sehen. Warum dieses Mädchen? Es ist braun.

Es gibt keine Indizien dafür, dass das Mädchen was tun würde und Beweise schon gar keine. Sie verhält sich nicht auffällig und sie ist so westlich gekleidet, dass es schon fast übertrieben ist. Es gibt keinen Grund dafür, sie vor einer gesamten Gruppe heraus zupicken um zu prüfen ob sie eventuell etwas getan hat. Außer die Hautfarbe. Dieses Mädchen erlebt dies nicht nur einmal, sondern jedes Mal, wenn sie mit dem Zug fährt und alleine unterwegs ist- ohne ihre möglichst blonden Freund*innen. Es ist sehr auffällig, dass im Zug fast der ganze Waggon friedlich lesen darf (die meisten sind sehr „europäisch“) außer das Mädchen.

Es ist schwer das Wort: „Würde“ zu definieren aber der Duden hat einige Definitionen erstellt, von denen ich eine heraus gepickt habe:

Achtung gebietender Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung

(http://www.duden.de/rechtschreibung/Wuerde, 21.04.2017)

Was ist also „Würde“ genau? Und ist „Würde“ etwas für jeden von uns oder ist sie nur für ein paar gedacht? Muss man sich Würde erarbeiten und erkämpfen oder wird sie uns von Geburt an mitgegeben?

Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (alle 30 Artikel)“, welche auf der Seite von Amnesty International immer abrufbar ist, hat dazu folgende Antwort:

Artikel 1 (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit)

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Somit bin ich also frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Allerdings hatte ich niemals dieses Gefühl. Schon seit meiner frühesten Kindheit wurde ich wegen meiner Hautfarbe gehänselt, in meiner frühen Jugendzeit ausgeschlossen und schikaniert. Dort wo ich aufgewachsen bin, gibt es nur eine heile Bergwelt und alles ist gleich. Was aus dem Raster fällt wird mit allen Mitteln bekämpft. Noch heute habe ich immer das Gefühl etwas für meinen Wert tun zu müssen.

Seit dem Sommer 2015 gibt es bei uns vermehrte Kontrollen. In Zügen, auf der Straße, immer wieder mal eine hier und da, aber da ich fast jeden Tag schon vor 2014 auf dem Bahnhof bin, wissen sie dort zum Glück, dass ich einen Zettel habe, der meine Existenz berechtigt.

Ich weiß, dass sehr viele Menschen dieser Thematik gleichgültig gegenüberstehen und es sogar gut heißen, aber nur weil sie selbst nicht in dieser Situation sind. Es ist einfach schlimm, wenn man morgens aufsteht und sich überlegt, wie man sich so modern wie möglich anziehen kann, nur um nicht wieder alleine herausgepickt zu werden, für meine Hautfarbe, die ich mir nicht ausgesucht habe. Es ist einfach schlimm, wenn man sich ohne Bauchweh nicht in einen Zug Richtung Grenze traut, in eine Disko oder in eine öffentliche Struktur, weil einem die Hautfarbe, für die man wirklich nichts dafür kann, offenbar zum Verbrecher macht. Denn ich komme mir vor wie eine Verbrecherin, wenn ich nicht mit meinen möglichst blonden Freundinnen zusammen bin, werde ich nämlich so behandelt.

Dunkelhäutigen Personen wird oft vorgeworfen die Rassismuskarte zu ziehen und manchmal wird das auch der Fall sein. Oft genug aber, gibt es keinen Grund für die Kontrolle und alleine die Art und Weise wie man behandelt wird verrät vieles über die Mentalität die im Gegenüber herrscht. Es ist immer leicht die Dinge zu relativieren wenn man selbst davon nicht betroffen ist. Aber diese Dinge führen zu Tötungen, welche großteils sogar ungesühnt bleiben, sowie die USA es fast täglich beweist.

Und ich frage mich sehr oft, was sich eigentlich die Polizisten dabei denken, wenn sie einem dann auch noch den Rat geben es mit „Humor“ zu nehmen, dauernd diskriminiert, herausgepickt, kontrolliert und behandelt wie ein Verbrecher zu werden. Was geht in solchen Polizisten vor, die so etwas sagen? Und ich frage mich generell, was geht in Polizisten vor, wenn sie genau wissen, dass sie Racial Profiling machen?

Daher habe ich nun einige Fragen an euch. Ich freue mich, wenn sich jemand von euch der Polizist ist, das Herz nimmt sie ehrlich zu beantworten.

  • Wie fühlt ihr euch dabei, jemanden aufgrund seiner Hautfarbe zu kontrollieren?
  • Sind alle nicht- schneeweißen Menschen Verbrecher oder warum macht ihr dann Racial Profiling?
  • Was denkt ihr über Leute mit dunkler Hautfarbe? Ich möchte jetzt ganz ehrlich eure Meinung hören.
  • Was denkt ihr, wie sich Menschen mit dunkler Hautfarbe dabei fühlen? Versetzt ihr euch manchmal in uns? Seht ihr uns als Menschen mit demselben Wert?
  • Wurdet ihr mal durch die Polizei wegen eures Aussehens kontrolliert und wenn ja, wie hat sich das angefühlt „im Raster“ zu sein, nur wegen eures Aussehens?
  • Was bedeutet für euch Existenzberechtigung? Ist das ein Din A5 Blatt bzw. ein Kärtchen mit einem Stempel oder mehr?
  • Musstet ihr euch diese Frage jemals vorher stellen?
  • Was ist Würde für euch?
  • Wie interpretiert ihr Art. 1 der Menschenrechte? Und: nehmt ihr ihn Ernst?
  • Haltet ihr euch an ihn? Eine ehrliche Antwort.
  • Könnt ihr wenigsten zum Teil verstehen, warum Leute dies als so herabwürdigend empfinden?
  • Was macht ihr nach dem ihr nach der Kontrolle von dem ewig selben Raster nach hause gekommen seid?

Ich kann euch sagen, was ich mache, nachdem ich nach einer weiteren Racial Profil Kontrolle nach hause komme. Ich warte bis ich alleine bin und weine dann.

Ich weiß nicht, ob ihr verstehen könnt, wie es sich anfühlt herabgewürdigt zu werden für etwas angeborenes. Es ist, als würde einem das Menschsein genommen werden und als würde man verdinglicht zur Gefahr abgestempelt werden. Einen Stempel aufgedrückt zu bekommen, den man nicht los wird, egal was man dafür tut.

Wenn ihr das nächste Mal jemanden kontrolliert wegen seiner Hautfarbe und seid ehrlich, dass ist das Raster, dann versucht euch wenigstens ein bisschen in eurem Gegenüber einzufühlen.

Denn trotz allem, zählt Art. 1 der Menschenrechte in der EU, der durch Racial Profiling eindeutig gebrochen wird.

Abschließend möchte noch den Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes zitieren, weil es sehr klar und deutlich definiert was selbstverständlich sein sollte.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Das hervorragende Bild von Leroy_Skalstad/ Pixabay

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1 Kommentar zu „Die Würde des Menschen ist (un)Antastbar: Was Racial Profiling mit mir macht“

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